
Diskutierten die Zukunft des bayerischen Gymnasiums: (v.l.) stellv. Vorsitzender der NiederbayernSPD, Peter Stranninger, der ehemalige Gymnasiallehrer Rupert Appeltshauser, der Direktor des Burkhart-Gymnasiums, Claus Gigl und SPD-Ortsvorsitzender Martin Kreutz.
„Bildung braucht Luft zum Atmen“
G8-Reform in Bayern - überstürzt, undurchdacht, chaotisch! – doch wie geht es weiter?
Obwohl vorher fest zugesagt, konnte die SPD-Veranstaltung zur G8-G9-Problematik am vergangenen Freitag nicht im Auktionshaus Müller stattfinden, so dass der Ortsverein kurzfristig in das nahegelegene Gasthaus „Zum gemütlichen Treff“ ausweichen musste. "Augen zu und durch?" war der Titel einer "persönlichen Bilanz" zum achtjährigen Gymnasium von Rupert Appeltshauser. Der Coburger Gymnasiallehrer kritisiert in seinem Buch das von der CSU zu verantwortende Bildungsdebakel und stellte sich der Diskussion mit den anwesenden Gymnasiallehrern, Eltern und Politikern.
Peter Stranninger, SPD-Direktkandidat für die Landtagswahl im Herbst, lud zusammen mit dem SPD AK-Labertal Rupert Appeltshauser zur Diskussionsrunde ein. Appeltshauser wurde 1947 in Coburg geboren. Er studierte Anglistik und Geschichte in Würzburg, Cardiff und London. Seine Berufslaufbahn begann im Jahr 1977 und er war als Fachbetreuer für Englisch und Geschichte tätig. Er war im Doppelabitur im neunjährigen und im achtjährigen Gymnasium als Kursleiter und Prüfer eingesetzt. „Ist sein Buch nur die Abrechnung eines frustrierten Pädagogen mit der Bildungspolitik? Diesen Anfangsverdacht könnte man haben“, so Ortsvorsitzender und Bürgermeisterkandidat Martin Kreutz in seiner Einführung. Appeltshausers Buch, das werde auf jeder Seite deutlich, sei freilich das eines passionierten Pädagogen, so Kreutz weiter. Tatsächlich hat der im September 2011 pensionierte Coburger Gymnasiallehrer mit seinem Buch "Augen zu und durch?" eine schonungslose Analyse des achtjährigen Gymnasiums und der Folgen vorgelegt. Appeltshauser selbst sieht sein Buch aber auch als eine Art „Selbsttherapie“, denn die Erlebnisse beim Wechsel von G8 zu G9 hätten schwer an seinem Selbstverständnis als Lehrer gekratzt.
„Wer mit Gymnasiallehrern, Gymnasiasten und deren Eltern diskutiert, bekommt sehr schnell mit, dass die neue Schulform auf wenig Gegenliebe stößt. Unzusammenhängendes Faktenpauken, das allein für die nächste Prüfung von Bedeutung ist, überfüllte Lehrpläne ohne richtige Schwerpunktsetzung und unnötiger Lernstress werden beklagt. Verständnis für Zusammenhänge, die Fähigkeit zur Reflexion und zum selbständigen Erarbeiten von Lerninhalten bleiben auf der Strecke. Das G8 hat das Bildungssystem in ein heilloses Chaos gestürzt", so Ortsvorsitzender und Bürgermeisterkandidat Martin Kreutz. Auf die überstürzte, undurchdachte Umsetzung seien weder die Lehrer noch die Schüler vorbereitet worden. Doch es stelle sich die berechtigte Frage, wie komme man aus der Misere wieder heraus?
„Durch die überhastete Einführung des achtjährigen Gymnasiums und der Übergang zu Studienzeiten, die noch unter denen des angelsächsischen Modells liegen, habe man sich aus kleinkarierten Sparerwägungen und vermeintlichen Globalisierungszwängen unbedacht und ohne Not vom Humboldtschen Bildungskonzept – der Möglichkeit und Freiheit über Zwänge hinaus zu lernen - das mit zum Besten gehörte, was deutsche Kulturpolitik jemals hervorgebracht hat, verabschiedet“, so der Vorwurf Appeltshausers an die bayerische Staatsregierung. Seine Kritik ist hart, aber nie polemisch und stets auf Fakten und Erfahrung gestützt, denn sein Blickwinkel ist der des Praktikers. Aber gerade deshalb sind seine allgemeinen Aussagen umso bedenkenswerter. Etwa wenn er darlegt, dass die Verkürzung der Ausbildungszeit in der Oberstufe zwangsläufig zu höherem Zeitdruck in der Mittelstufe führt, der sich auf die Schulanfänger fortsetzt. Auf der anderen Seite beeinträchtige ein "Reifezeugnis", das diesen Namen nicht verdient, Studienerfolg und Berufssaussichten.
Appeltshauser stellt in seinen Ausführungen fest, dass „die Schüler heute sind nicht dümmer als früher. Aber das veränderte soziale Umfeld, die modernen Medien und das Freizeitverhalten hätten Einfluss auf Lern- und Sprachfähigkeit“. Er beobachtet keine grundlegenden Defizite, wohl aber Entwicklungsverzögerungen, weshalb gerade die Anfangsjahrgänge heute mehr Zeit und Zuwendung brauchten. Bei einem insgesamt höheren Lerntempo aber blieben Muße, die Freude am Lernen und die Nachhaltigkeit des Erfolgs zunehmend auf der Strecke. Appeltshauser bestreitet nicht, dass es auch positive Neuansätze gibt wie etwa verstärkte Förderungsmaßnahmen oder neue Unterrichts- und Prüfungsmethoden. Die aber seien das Ergebnis einer gutvorbereiteten Reform des früheren G9 gewesen, die aber durch die plötzliche Einführung des G8 wegen des knappen Zeitrahmens nur unzulänglich greifen konnte.
Es geht Appeltshauser um nichts weniger als um einen elitären Bildungsanspruch. Ein zentrales Anliegen allerdings ist es ihm, Bildung nicht nur zweckgerichtet an den Interessen der Wirtschaft zu orientieren. Bildung sei eben mehr als die Ansammlung von Faktenwissen und Kenntnissen, Bildung präge die Persönlichkeit, stärke die Urteilskraft, trage zur politischen Reife bei. Den bleibenden Schaden einer solch verfehlten Schulpolitik hat dann jedoch nicht nur das Gymnasium, sondern auch die demokratische Kultur gehabt, stellte Appeltshauser fest.
Überzeugend, kenntnisreich und in klarer Sprache führt er vor Augen: Das G 8 ist, ungeachtet "getürkter Notendurchschnitte und fragwürdiger Erfolgsgutachten", eben kein Erfolgsmodell. Erste Tendenzen zur Umkehr sind erkennbar. Appeltshauser plädiert für eine bedachtsame Umkehr. Wahlangebote oder Modelle wie die "Oberstufe der zwei Geschwindigkeiten" wären seiner Ansicht nach geeignete Übergangslösungen. Letztlich müsse insgesamt mehr Ruhe im Schulwesen einkehren. Denn: "Bildung braucht wieder Luft zum Atmen."
Appelsthauser plädierte auch dafür, dass die Verantwortlichen sich vom Ziel der alten Übertrittsquoten verabschieden müssten. 20% sind nicht genug – eine moderne Industriegesellschaft muss alle Ressourcen nutzen und mehr Studierende kreieren – aber natürlich ohne Leistungsminderung. Der Autor bedauert auch eine zunehmende Mechanisierung und Technisierung der Bildung, gepaart mit einer unglaublichen „Testeritis“. „Es geht nur noch um abprüfbares Wissen – das Verständnis und die Fähigkeit Zusammenhänge herzustellen, blieben auf der Strecke. Laut Appelsthauser hat diese „messbare Bildung“ nur den Zweck der Kostenersparnis. Weitere Folgen der Fehlentwicklung seien, neben der fehlenden persönlichen Reife vieler Absolventen, die zunehmend nötigen Vorbereitungsmaßnahmen der Universitäten, um die Studierfähigkeit der Absolventen überhaupt zu erreichen sowie eine steigende Zahl von Studienabbrechern.
Diskussionsrunde mit Rupert Appeltshauser (Mitte), links: Peter Stranninger und Claus Gigl, rechts: Martin Kreutz
Grundsätzliches Einverständnis gab es mit dem von der Wirtschaft geforderten Fünf-Fächer-Abitur, statt der differenzierten Leistungs- und Grundkurse - damals ein wichtiges Ergebnis der Gymnasialreform in den 70er Jahren. Helmut Stumfoll bedauerte jedoch, dass durch „Mathematik für alle“ die frühere Differenzierung in Physik, Chemie oder Biologie verloren gegangen sei und das „Leistungs-Mittelfeld“ verloren gegangen sei – es gebe heute nur noch „gute“ und „schlechte“ Schüler! Und auch ein „in die Tiefe gehen“ sei nicht mehr möglich. Die Wissensüberfrachtung führte bei der Reduzierung des Unterrichts um rund 1/3 zur Fokussierung auf reines Strukturwissen, zu Oberflächlichkeiten, bei denen Politik- und Kulturverständnis fällig auf der Strecke blieben.
Eine heftige Diskussion entbrannte auf die Frage hin, wie wichtig ein Jahr mehr oder weniger bei der persönlichen Reife eines Absolventen sei. Plädierten die jüngeren Lehrer für die Unnötigkeit eines 13. Schuljahres, so hielten die älteren Lehrer vehement daran fest. Da es keine Festschreibung der allgemein nötigen Ausbildungsdauer gebe, so Appeltshauser, müsse man sich auf die praktische Umsetzung in der Vergangenheit beziehen. Hierzu führte er aus, dass in Kriegs- und Notzeiten, sowie in totalitären aber auch in neoliberalen Systemen, eher eine Verkürzung der Schulzeit zu beobachten sei, während in den Zeiten wo Allgemeinbildung und Demokratisierung als Staatsziel ausgerufen wurde, die Schulzeit eher auf 13 Jahre ausgelegt wurde. „Wollen wir Funktionäre oder Demokraten?“, die warf Appeltshauser die Frage in den Raum.
Das neunjährige bayerische Gymnasium war das Flaggschiff des Schulwesens in Deutschland. Dann aber wurde das bayerische Gymnasium um ein Jahr zum „G8“ verkürzt. Bis zur Landtagswahl vom 21. September 2003 vertrat die Staatsregierung das neunjährige Gymnasium. Damals erklärte die CSU: G8 sei kein Thema. Ein paar Tage nach der Wahl aber wurde verkündet: Das G8 wird eingeführt. Das war nicht nur der Tod der Schulkultur - nur wenige Schüler finden noch Zeit, ins Orchester oder in die Theatergruppe zu gehen. Im Zuge dieser Maßnahme verschwanden mehr als 300 Stunden Unterricht in der ersten Fremdsprache, bis zu 300 in Mathematik und über 200 im Fach Deutsch. Die von den G8-Initiatoren erfundenen „Intensivierungsstunden“ können diese Verluste nicht auffangen. Dass das derzeitige G8 so nicht bleiben kann, war unumstritten. Der Direktor des Burkhart-Gymnasiums, Claus Gigl, verwehrte sich zwar gegen eine pauschale Kritik und betonte die Nichtvergleichbarkeit der früheren Leistungskurse mit den derzeitigen Unterrichtseinheiten am G8, musste aber bestätigten, dass sich vieles aus dem früheren G9 im G8 nicht mehr umsetzen lies.
Was würde helfen? Eindeutige Aussage der Kritiker, wie der Befürworter: Mehr Lehrer, kleinere Klassen! Nur so sei zu gewährleisten, dass alle Schüler eine Chance zum Abitur und damit zum Studieren bekämen. Heute zeige sich sehr deutlich, dass vor allem Schüler aus wohlhabenden, bildungsnahen Elternhäusern die Herausforderungen des G8 bewältigen gut können, Schüler mit Einschränkungen jeglicher Art, ob sprachlich, finanziell oder entwicklungsbedingt, auf der Strecke blieben. „Das können wir uns aber nicht leisten“, so Peter Stranninger. „Der gut ausgebildete Ingenieur war immer ein Standortfaktor für Deutschland!“
Peter Stranniger stellte die Eckpunkte der SPD-Bildungsziele vor: „Die bayerische SPD will künftig neben einer Reduzierung der Pflichtstundenzahl und der Lehrplaninhalte, einer pädagogischen Neuausrichtung und mehr Ganztagesunterricht - wo nötig -, nach der 10. Gymnasialklasse eine Wahlmöglichkeit für die Oberstufe einführen. Eltern und Schüler können dann entscheiden, ob sie die 2-jährige, oder aber die 3-jährige Oberstufenvariante wählen. Kleinere Klassen und damit mehr Lehrer fordert die SPD schon lange. Ergänzt wird diese „sanfte“ Gymnasial-Reform durch die Möglichkeit zum gemeinsamen Lernen bis Klasse 10 in der Schularten übergreifenden Gemeinschaftsschule“. Stranninger: „Damit unsere Kinder in Zukunft in einem gerechten und guten Schulumfeld, von der KiTa bis zum Gymnasium aufwachsen können, brachen wir in Bayern den Politikwechsel – am 15. September hat Bayern die Wahl!“
Rupert Appeltshauser: "Augen zu und durch?", 112 Seiten, 7 Abbildungen, Preis: 9 Euro. Erich Weiß Verlag, Bamberg, ISBN: 978-3-940821-26-3.