Der Journalist Johann Haas (li) informierte über „Frauen in der rechten Szene“. Die OrganisatorInnen des Aktionsbündnisses „Geiselhöring bleibt BUNT“: Angela Ramsauer, Elisabeth Scherm, Brigitte Wessely und Pfarrer Ulrich Fritsch
Rechtsextremismus ist nicht mehr nur männlich, gewaltbereit und dumm
Referent Johann Haas referiert bei der Ausstellungseröffnung zu „Frauen in der Neonazi-Szene"
"Frauen in der Neonazi-Szene - gibt es so etwas überhaupt?“ stellte der Journalist Johann Haas anlässlich der Ausstellungseröffnung „Die Braunen Schwestern – Frauen in der rechten Szene“ am vergangenen Montag im Gemeindesaal der evangelischen Kirche in Geiselhöring als Frage in den Raum. „Klar, sonst gäbe es doch auch diese Ausstellung nicht", gab er dazu auch gleich die Antwort. Haas referierte auf Einladung des Aktionsbündnisses „Geiselhöring bleibt BUNT“ zum wenig bekannten Thema „Frauen in der rechten Szene“. Die Ausstellung ist bis zum 30. Juni täglich von 8 bis 22 Uhr im ev. Pfarrsaal in der Auenstraße zu sehen.
„Beate Zschäpe - diesen Namen kennen wir - die Öffentlichkeit - seit November vergangenen Jahres. Seit jenem Tag, als sich Uwe Mudlos und Uwe Böhnhardt in Eisenach in einem Wohnmobil das Leben nahmen“, erinnerte Johann Haas an das wohl derzeit aktuellste Beispiel für die Rolle der Frauen in der rechten Szene. Beate Zschäpe gehört dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) - auch als Zwickauer Terrorzelle bekannt - an. Sie lebte zwölf Jahre lang im Untergrund, raubte und mordete mit ihren Gesinnungsgenossen – und doch wurde Beate Zschäpe nach ihrer Festnahme in vielen Berichten als „Mitläuferin" bezeichnet. „Vielleicht, weil wir das so gerne glauben wollen?“ stellte Haas erneut als Frage in den Raum.
„Beate Zschäpe ist jedoch eine gewaltbereite, rechtsextreme Straftäterin. Die Neonazistin hat vermutlich zusammen mit ihren Komplizen mindestens zehn Menschen geplant ermordet sowie mehrere Sprengstoffanschläge und 14 Banküberfälle verübt“, machte Haas aber daraufhin deutlich. Auch die Bezeichnungen „Nazi-Braut" und „heißer Feger", wie Zschäpe in der Presse genannt worden ist, sei eine den Opfern gegenüber unzumutbare Verharmlosung, so der Referent weiter. Er zitierte die Frankfurter Sozialwissenschaftlerin und Vorsitzende des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus, Professor Michaela Köttig: „Rechtsextreme Frauen sollten als die gesehen werden, was sie sind - mutmaßlich rassistische, menschenverachtende Täterinnen. Der moderne Rechtsextremismus ist ohne das Engagement von Frauen nicht denkbar."
Bereits Mitte der 80er Jahre wurde die „Deutsche Frauenfront" gegründet, 1991 der„Skingirl Freundeskreis Deutschland", es folgten zahlreiche lokale Gruppierungen rechter Frauen. Heute sind ein Fünftel der NPD-Mitglieder weiblich, gibt es mit dem „Ring Nationaler Frauen" bei der NPD und der „Gemeinschaft Deutscher Frauen" zwei große Organisationen - und doch werden die „Neonazistinnen" kaum wahrgenommen. Haas berichtete auch über den Inhalt des Buches „Mädelsache - Frauen in der Neonazi-Szene", das der Journalist Andreas Speit und die Sozialwissenschaftlerin Andrea Röpke, herausgegeben haben: „Beide Autoren bestätigen, dass die Unauffälligkeit Teil der Strategie ist. So siedelt die „Gemeinschaft deutscher Frauen" gezielt Mitgliederfamilien in bevölkerungsschwachen Gebieten an. Dort engagieren sie sich in Vereinen, um auf der vorpolitischen Ebene die Gesellschaft mitzuprägen". Auch die NPD habe erkannt, dass Frauen ihr Image als „Kümmerpartei vor Ort" - wir kümmern uns um euch - stärken. Zwar dächten noch immer viele alte NPD-Kader, dass die politische Aufgabe der Frau sich auf den „Schutz des deutschen Erbgutes durch reinrassige Kinder" beschränken sollte. Haas: „Doch längst schulen Frauen Frauen gezielt darin, freundlich Propaganda zu verbreiten. Die Szene spielt da ganz geschickt mit unseren Klischees, die heißen: Rechtsextremismus ist männlich, gewaltbereit und dumm. Dass die lässige junge Frau, die neben uns im Biomarkt Babynahrung kauft, Neonazistin sein könnte - wollen wir gar nicht sehen. Nicht selten schrecken Mütter einer Krabbelgruppe oder in einem Kindergarten auf, wenn eine von ihnen als NPD-Funktionärin „enttarnt" wird“.
„Erst vor einigen Wochen wurden Frauen in der NPD-eigenen Zeitung aufgerufen, in erzieherische Berufe einzusteigen -- um als Lehrerin oder Erzieherin die nachfolgenden Generationen für die Ideologie zu gewinnen", wusste Haas zu berichten. „In der Parteizeitung Deutsche Stimme hieß es, es müsse der Vereinsarbeit mehr als bisher von nationalistischer Seite Rechnung getragen werden, aber statt neue Vereine zu gründen, solle man lieber bestehende unterwandern. Das Betätigungsfeld reicht hierbei von der Freiwilligen Feuerwehr über die verschiedensten Sportarten, wobei sich insbesondere die Volkssportarten anbieten, wie Fußball und Boxen; aber auch der Naturschutz, die Jugendarbeit und die lokale Kulturarbeit. NPD-Aktivisten versuchen Feuerwehren, THW-Ortsverbände, Sportvereine, Kindergärten, Elternbeiträte etc. zu unterwandern!“
Johann Hass konnte weiter berichten, dass Frauen heute einen festen Bestandteil der braunen Bewegung darstellen. „Sie kandidieren für die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), organisieren Demos, führen die Kassenbücher und kümmern sich um die Erziehung des rechten Nachwuchses. Selbstbewusst präsentieren sie sich in verschiedenen Zusammenschlüssen, wie dem Ring Nationaler Frauen (RNF), der Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), den freien Kameradschaften oder auch in braunen Netzwerken. Die rechten Aktivistinnen sind in ihrer Überzeugung nicht weniger fanatisch als die Männer und häufig auch nicht weniger gewaltbereit als diese. Bei meinen Recherchen habe ich in Erfahrung gebracht, dass es Frauen in der Szene gibt, die sind deutlich gewaltorientierter als die Männer. Experten gehen mittlerweile von einem auf zehn Prozent gestiegenen weiblichen Anteil an rechten Straftaten wie Propagandadelikten, Beleidigungen und auch Körperverletzungen aus“.
Die Frauen sind bestrebt, rechtradikale Politik unter dem Deckmantel sozialer Themen wie Umweltschutz, Naturheilkunde, Kindergeld und Hartz IV oder völkische Brauchtumspflege auf kommunaler Ebene zu verankern. Frauen in die Politik einzubeziehen, das ist ein geschickter Schachzug der NPD. Die stark umstrittene Partei wirkt dadurch bürgernah, frauenfreundlich und vor allem wählbar. Rechtsextreme Frauen wählen ihre Berufsfelder mit Bedacht. Sie wollen in gesellschaftlich relevanten Positionen ihr rechtsextremes Gedankengut unterschwellig weitertragen. Manche von ihnen studieren bevorzugt Geschichte und Jura, arbeiten als Sozialarbeiterinnen oder Erzieherinnen, um ihre rechtsextremen Überzeugungen zu vermitteln und die Jugend schon früh prägen zu können.
Die Szene hat sich ganz bewusst für Frauen geöffnet und es sind vor allem viele junge Frauen, die mitmachen wollen. Aber das ist an sich nichts Neues. Es hat schon immer Frauen gegeben, die das Ganze mitgetragen und mitgestaltet haben. Haas: „Das Klischee der klassischen rechtsextremen Frau als „treue Gefährtin und Mutter" gilt weit verbreitet - meiner Ansicht nach sogar verbreiteter denn je. Man muss sich sehr wundern, wie moderne junge Mädchen, Gymnasiastinnen oder auch Mädchen aus ganz anderen kulturellen Zusammenhängen in der rechten Szene landen - vielleicht früher Skingirl waren und auf einmal dem traditionellen Frauenbild entsprechend völkisch mit langen Röcken und Zöpfen herumlaufen“.
Haas zeigte sich aber überzeugt, dass wenn Frauen auch stark in der rechten Szene vertreten seien, so sei es immer noch eine frauenfeindliche Szene. „Von Emanzipation ist da, mit ein paar Ausnahmen, keine Rede - davon bin ich überzeugt. Viele Frauen, die in der Szene aktiv sind, wurden in die Szene hineingeboren. Viele der aktiven Neonazistinnen, auch die jüngeren darunter, stammen aus so genannten völkischen „Sippen", Familienverbänden der Rechten, die schon in der zweiten, dritten Generation Alt¬beziehungsweise Neonazis waren und kulturell und politisch nichts anderes kennen gelernt haben. Und diese Frauen sind sehr fanatisch. Doch extrem rechte Frauen können sich noch so sehr als Straßenkämpferin und Parteiaktivistin "verdient" gemacht haben, irgendwann wird jede an ihre "biologische Pflicht" als Frau und Mutter erinnert.“
Das Aktionsbündnisses „Geiselhöring bleibt BUNT“ bietet am kommenden Donnerstag, den 28. Juni um 20 Uhr einen weiteren Info-Abend zum Thema an. Zwei Kurzfilme erläutern den Inhalt der Ausstellung „Die Braunen Schwestern – Frauen in der rechten Szene“.