Historischer Themennachmittag des AK Labertal

Veröffentlicht am 09.11.2010 in Veranstaltungen

Gedachten den Brüdern Gandorfer: v.l.: Rainer Pasta (Sprecher des AK Labertal), Martin Kreutz, Ortsvorsitzender Mall-Pfaff), Franziska Gruber-Schmid (Ortsvorsitzende Ergoldsbach), Refernet OStR Franz Graf, Dieter Gipser (SPD-Ehrenvorsitzender Mall-Pfaff), Udo Berke (SPD Langquaid), Heinrich Kaiser (SPD Mall-Pfaff), Armin Buchner (Armin Buchner, Ortsvorsitzender Schierling)

SPD-Arbeitskreis Labertal präsentierte Themennachmittag zu den Gandorfers
„Sie prägten die bayerische Geschichte und den Ort Pfaffenberg auf ihre ganz persönliche Weise“

„So muss das zu Zeiten der Gandorfers gewesen sein: Ein brechend volles Wirtshaus anlässlich einer SPD-Veranstaltung in Pfaffenberg“, freute sich Rainer Pasta, Sprecher des SPD-Arbeitskreises Labertal anlässlich der SPD-Veranstaltung am vergangenen Sonntag im Gasthaus Stöttner in Pfaffenberg. Termin und Ort für ihren Historischer Themennachmittag unter dem Motto „Ein BGM/MdL/MdR aus Pfaffenberg – Carl Gandorfer und sein Bruder Ludwig, der Revolutionär“ wählten der Arbeitskreis Labertal und der Ortsverein Mallersdorf-Pfaffenberg mit Bedacht: Am 7. November 1918 rief Ludwig Gandorfer mit Kurt Eisner die Bayerische Republik aus und im Gasthaus Stöttner fand eine denkwürdige Versammlung statt, bei der Bürgermeister Karl Gandorfer in den frühen 30er Jahren den Nationalsozialisten Heinrich Himmler aus dem Saal werfen ließ. In einem detaillierten Vortrag bewertete OStR Franz Graf die bekannte Aktenlage zu den Brüdern Gandorfer, räumte mit einigen biographischen Fehlern auf und präsentierte neue Erkenntnisse zu den beiden bekannten, politisch bedeutenden Brüdern aus Pfaffenberg.

SPD-Ortsvorsitzender Martin Kreutz konnte neben vielen interessierten Bürgerinnen und Bürgern aus der näheren und weitern Umgebung auch Abordnungen der SPD-Ortsvereine Geiselhöring, Ergoldsbach, Schierling und Langquaid begrüßen. OstR Franz Graf stellte als erstes, angesichts eines übervollen Büchertisches die Frage, warum es trotz vieler einzelner Aufsätze zum Thema Gandorfer, keine Monographie zu den bekannten und berühmten Pfaffenberger Brüdern gebe. Er stellte die Hoffnung in den Raum, dass zum 100. Jubiläum von Freistaat und Revolution 2018, auch ein Buch zu den Brüdern Gandorfer erscheinen werde. In den schicksalhaften Jahren zum Ende des Ersten Weltkrieges und zu Beginn der Weimarer Republik prägten die beiden Gandorfer – auf ihre ganz persönliche Weise - die bayerische Geschichte und den Ort Pfaffenberg. Während Ludwig (SPD), parteipolitisch erfolglos und mittlerweile erblindet, zusammen mit Kurt Eisner die Revolution und die Republik Bayern ausruft und nach wenigen Tagen bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt, vertritt sein Bruder Karl (Bay. Bauernbund) die Interessen der bayerischen Bauern und speziell seiner Kollegen in Niederbayern und dem Bayerischen Wald und stellt sich dem erstarkenden Nationalsozialismus offen in den Weg. Sein diabetesbedingter Tod kurz vor der Machtübernahme der Nazis, erspart im KZ und Liquidierung.

„Das muss sich Karl Gandorfer nicht gefallen lassen“
Franz Graf befasste sich ausführlich mit den zu den Gandorfers erschienen Beiträgen und stellte eine Reihe von Fehlern richtig – hierbei erfuhren die Zuhörer auf erfrischende Weise eine Menge Details aus dem Leben von Ludwig und Karl Gandorfer. Ob im „Biographischen Handbuch des Reichstags“, beim Online-Lexikon Wikipedia oder in den verschiedensten Aufsätzen zu den beiden Brüdern – immer wieder stimmen entweder die Daten oder die Zuordnung der historischen Gegebenheiten nicht. Nicht zuletzt im 2009 erschienen „Heimatbuch zum Klosterjubiläum“, wo bei beiden Brüdern das Todesdatum nicht stimmt, obwohl es auf den Grabsteinen auf dem Pfaffenberger Friedhof jederzeit richtig zu finden gewesen wäre. Auch die Darstellung der „schillernden politischen Karriere“ Karl Gandorfers erregte den Unmut des Referenten. „Das muss sich Karl Gandorfer nicht gefallen lassen“, so Franz Graf in seinen Ausführungen, „denn das ist eine eindeutig negative Wertung, zumal das verwendete Zitat aus dem Jahre 1988 nicht als solches gekennzeichnet worden ist“. Unverständlich ist es für Franz Graf auch, dass im Zusammenhang mit einer Klosterfestschrift die Gandorfers zwar erwähnt werden, eine entscheidende historische Begebenheit nicht erwähnt wurde, die die durchaus positiven Beziehungen zwischen Karl Gandorfer und dem Mallersdorfer Kloster belegt hätte. „1921 sagte der Kloster-Superior Unverdorben in einem Hochverrats- und Untreueprozess zu Gunsten des Pfaffenberger Bürgermeister aus. Anhand vieler Beispiele listete Graf die z.T. sehr reaktionären Darstellungen der Gandorfers auf, erläuterte aber auch die in jüngeren Jahren objektivere Bewertung der Bayerischen Revolution und ihrer Helden. In seinen weiteren Ausführungen stellte Franz Graf die „Literarisierung“ der Gandorfers durch Theaterstücke und Romane vor.

Im zweiten Teil seines Vortrags stellte Franz Graf die Ergebnisse eigener Recherchen zu den Brüdern Gandorfer vor. Neben einzelner Passagen aus den im Internet zu findenden Landtags- und Reichstagsprotokollen präsentierte der Referent seine Erkenntnissen aus den bisher unveröffentlichten Kriegstagebüchern Karl Gandorfers. Zum Bruder Ludwig Gandorfer konnte Franz Graf durch persönliche Einschätzungen seiner Familie und die mysteriösen Umstände seines Todes (1918) die sehr dünnen Aktenlage ergänzen. Auch die Umstände um die „Landverschickung“ der Söhne Karl Liebknechts, der Ältere – „Helmi“ hielt sich nachweislich vom 16.6. bis 8.9. 1918 im Zollhof in Pfaffenberg auf, konnte Franz Graf darstellen. Karl Liebknecht wurde nur wenig später in Berlin ermordet. Schließlich legte Graf ein besonderes Augenmerk auf den Erdrutschsieg Karl Gandorfers bei den Bürgermeisterwahlen 1911 sowie seine letzen Lebensjahre. In vielen Gerichtsprozessen und Reichstagsreden lieferte sich der Pfaffenberger Bürgermeister und Bauernbundführer schwere Gefechte mit den Nationalsozialisten, ehe er 1932 in Folge seiner Diabetes verstarb.

Anschließend nutzten die vielen interessierten Besucher, die sogar aus München angereist waren, die Möglichkeit sich am Büchertisch über die zahlreichen Einzelbeiträge zu den Brüdern Gandorfer zu informieren, staunten aber auch über die zahlreichen Original-Fundstücke und Fotos. Die Zuhörer fanden zum Schluss der Veranstaltung ihre vielen Fragen kompetent beantwortet und nicht zu letzt fand auch der ehemalige Bürgermeister Norbert Bauer lobende Worte für seinen Amtsvorgänger und dessen soziale Einstellung.

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.