Historischer Themennachmittag in Laberweinting

Veröffentlicht am 13.12.2011 in Veranstaltungen

v.l.: Heinz Mayer (Weiße Rose-Stiftung), Kirsten Reiter (OV Langquaid), Referent Jürgen Rettberg, Josef Bergmann, Frau Generalkonsulin Elzbieta Sobotka, Udo Berke, AK-Sprecher Rainer Pasta, Martin Kreutz (OV Mall-Pfaff), Madlen Melzer (OV Schierling), Robert Merl, MdL Reinhold Perlak, Armin Buchner

62 Kerzen leuchten für die toten Engel von Laberweinting
SPD-AK Labertal erforscht vergessene Heimatgeschichte – Lichterkette zum Tag der toten Kinder

Laberweinting (pas): Es war ein berührendes Gedenken an diesem Spätnachmittag des dritten Adventsonntags, dem weltweiten Gedenktag der toten Kinder: Nicht nur wegen der 62 brennenden Kerzen, die mit den Namen der hier Ende des Zweiten Weltkrieges verstorbenen Säuglinge polnischer, ukrainischer, russischer und ungarischer Mütter und Väter versehen waren und die den dunklen Saal der ehemaligen Ammer-Brauerei in Laberweinting erleuchteten. Dieser Saal wurde für viele Kinder Geburtsstätte und Sterbeort in einem Zeitraum von August 1944 bis April 1945. Rund hundert Besucherinnen und Besucher aus nah und fern verfolgten mit großer Betroffenheit und Anteilnahme die Reden von Rainer Pasta, dem Historiker Jürgen Rettberg und vor allem die bewegende Ansprache der Generalkonsulin der Republik Polen, Frau Elzbieta Sobotka. Sie gedachten der Vorkommnisse im Entbindungs- und Kinderheim Laberweinting in diesen letzten neun Monate des Krieges und der Nazi-Diktatur. Wie die polnische Diplomatin betonte, gehe es darum, den toten Engeln ihren Namen und ihre Würde zurückzugeben. „Jedes Kind“, so sagte sie, „ist ein Geschenk Gottes, ein Glück für uns alle und ein Stück Hoffnung auf eine bessere und friedliche Zukunft.“

Der Sprecher des SPD-Arbeitskreises Labertal, Rainer Pasta, konnte zum Historischen Themennachmittag „Die toten Kinder von Laberweinting“ zahlreichen Gäste begrüßen, allen voran den Ehrengast: Die Genaralkonsulin der Republik Polen, Frau Elzbieta Sobotka, war extra aus München für diese Veranstaltung angereist. Ebenso den Landtagsabgeordneten Reinhold Perlak (SPD), Altbürgermeister Josef Zellmeier, 1. Bürgermeister Xaver Eggl, einige Gemeinderäte sowie die SPD-Ortsvereine Geiselhöring, Langquaid, Schierling und Mallersdorf-Pfaffenberg. Pasta schilderte vorab die verschlungenen Wege der Forschung, vom ersten Hinweis im Internet über das Rote Kreuz- Archiv in Bad Arolsen, dem Staatsarchiv in Landshut bis hin zu den Recherchen in Kattowitz/Polen. Pasta bedankte sich bei Albert Eichmeier (Referent zum „Kleinen Widerstand im Labertal“) für seine Recherchen zum „Polenkinderlager Laberweinting“, bei Helena und Herbert Auch-Schwelk für die Unterstützung bei der Suche in den polnischen Archiven sowie dem Hauptreferenten, dem Historiker und Gymnasiallehrer Jürgen Rettberg aus Sinzing für ihre Unterstützung.. Der SPD-Arbeitskreis Labertal versuche, mit seinen „Historischen Themennachmittagen“ ein Stück Heimatgeschichte – vor allem in aus den Jahren 1933 bis 1945 - auszuleuchten, dass von den vielen amtlichen, ehrenamtlichen und selbsternannten Heimatforschern in der Region sträflich vernachlässigt werde, so Rainer Pasta. Für das Projekt „Wider das Vergessen – Zivilcourage heute“ wurde der AK Labertal erst vor wenigen Tagen beim bundesweit ausgelobten „Wilhelm-Dröscher-Preis“ anlässlich des SPD-Bundesparteitags in Berlin mit einem 3. Platz ausgezeichnet. U.a. hatte auch der Regensburger Bischof Dr. Gerhard Müller die Bewerbung des SPD-Arbeitskreises durch eine persönliche Videobotschaft unterstützt. „Wir setzen mit unserem Projekt ein Signal dafür, dass sich so etwas nie wieder wiederholen darf. Unsere Jugend“, so Rainer Pasta, „muss immun gemacht werden gegen die Nazipropaganda von heute und dazu dient auch der Blick zurück in die dunklen Kapitel der Geschichte unserer Region. Was ist das für ein Zeichen, wenn wir die Jugend glauben lassen, damit hätten wir hier gar nichts zu tun gehabt? Für die SPD gehört es zum politischen Vermächtnis, die Erinnerung wach zuhalten. Wir sind zwar nicht verantwortlich zu machen, für das was passiert ist, aber wir sind dafür verantwortlich, wie wir mit unserer Geschichte umgehen.“ In diesem Zusammenhang erinnerte Pasta an die nicht zu vernachlässigenden Wahlergebnisse der NPD in einzelnen Gemeinden unserer Region und den bundesweit tätigen Wikinger-Versand in Geiselhöring.

„Verfaulen kann man die ganze Brut auch nicht lassen.“
Mit diesem Satz aus dem Schreiben des damaligen Bürgermeisters von Laberweinting vom 22. Juli 1944 illustrierte der Historiker Jürgen Rettberg die ganze menschenverachtende Einstellung der Nazi-Diktatur von ganz oben bis ganz unten. Denn nur so habe der millionenfache Kindermord stattfinden können. Allein Polen habe zwischen 1939 und 1945 2,225 Millionen Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahren verloren, 35 Prozent der Gesamtverluste des polnischen Volkes. Fast die Hälfte einer jungen Generation sei in diesen wenigen Jahren ausgelöscht worden. Dass der Befehl für die Schaffung von Kinder- und Entbindungsheimen ab 1943/1944 direkt vom SS-Chef Heinrich Himmler und seinen nachgeordneten SS-Schergen kam, belegte Rettberg mit zwei Zitaten aus einem Brief eines SS-Obergruppenführers an Himmler und aus einer Geheimrede des Reichsführers-SS. So ist in dem Brief zu lesen, es gäbe in der Frage der Kinder der Ostarbeiterinnen nur ein Entweder-Oder. Himmler rühmte sich in der Geheimrede, dass die Frage der polnischen Kinder „kompromisslos gelöst“ worden sei. Himmlers fremdvölkische und rassistische Politik habe von Anfang an unter dem Diktat des Prinzips der Vernichtung gestanden. Im ganzen Reich seien „rassisch unerwünschte Kinder“ in solchen „Pflegestätten“ systematisch und absichtlich ausgehungert worden. Bisher sind rund 400 dieser Heime für das Bundesgebiet, 31 für Bayern bekannt – davon nur wenige näher erforscht. Über viele liegt aber noch immer der Mantel des vergessens – so auch in den ehemaligen Nachbarlandkreisen Dingolfing, Kelheim, Regensburg oder Bogen.

Für die Zustände im „Kinderheim“ Laberweinting machte Jürgen Rettberg – mit Bezug auf die Untersuchungsergebnisse der Amerikaner - vor allem den NS-Kreisleiter Eduerd Mendler und dessen Vize Dr. Emil Bassmann – auch medizinischer Leiter des Heimes - verantwortlich. Beide hätten schwere Schuld auf sich geladen. Auch der damalige Bürgermeister hätte wohl vieles zum Besseren wenden können, wenn er sich auf seine Dienstpflichten besonnen hätte. Die Bauern der Umgebung – so die Zeugenaussage der Hebamme - hätten gerne die osteuropäischen Frauen samt ihren Babys zurückgehabt, dies sei aber von den verantwortlichen Nazi-Größen Mendler und Bassmann „aus rassehygienischen Gründen“ abgelehnt worden.

Das von Jürgen Rettberg und Rainer Pasta vorgelegte „Tagebuch des Grauens“ (eine ausführliche Dokumentation folgt Anfang 2012) über das „Polenkinderlager Laberweinting“ dokumentiert nicht nur den Tod der 62 Säuglingen, sondern schildert vor allem die bürokratische Todesmaschinerie der „braunen Todesengel“ bei der Entstehung und beim Betreiben des Kinderlagers. Jürgen Rettberg schloss sein Referat mit der Erinnerung an den Kniefall von Willy Brandt 1970 am Warschauer Ghetto-Mahnmal. Der SPD-Kanzler und Widerstandskämpfer habe sich erniedrigt, um sein Volk zu erhöhen. Mit seiner großen Geste bat er für alle Deutschen um Verzeihung und ebnete den Weg zu Versöhnung und einem neuen Miteinander. Emotional hatte Rettberg sein Publikum schon zu Beginn mit dem Gedicht „Die Stimme der unschuldigen Kinder“ von Clotilde Schenk eingestimmt: „O Maler, wenn du malen kannst, mal uns die sieben Farben, o mal das Licht, das drüber tanzt, für uns die früher starben.“, lautet die letzte Strophe.

Jedes Kind ist für uns ein Glück und Hoffnung für eine friedliche Zukunft
Die polnische Generalkonsulin, Frau Elzbieta Sobotka, leitete ihre bewegende Rede mit einem Gedicht des berühmten schlesischen Dichters Angelus Silesius ein, das mit Blick auf den Advent und Weihnachten vom „Himmel auf Erden“ spricht. Aber es gäbe auch „die Hölle auf Erden“, wie ihre Landeskinder und Millionen andere erfahren hätten. Sie betonte, dass die Erinnerung nicht aussterben dürfe, auch wenn die Zahl der Zeitzeugen von damals immer geringer werde. „Die Zivilcourage ist eine seltene Tugend, die man aber für die Erinnerungsarbeit brauche“, sagte sie. Die Vertreterin der Republik Polen in Bayern dankte den Veranstaltern für ihren Beitrag zur regionalen Erinnerungskultur. Sie wünschte sich, dass auch Laberweinting ein Erinnerungsort werden möge und lieferte mit dem Beispiel Pfaffenhofen ein praktikables Beispiel.

Frau Sobotka erinnerte an die lange gemeinsame polnische und bayerische Geschichte, die sich mit der Landshuter Hochzeit und der Theatinerkirche in München besonders manifestiere. Die Wittelsbacher in Bayern hätten vier polnische Königstöchter geheiratet. Die Entwicklung Polens sei eng mit deutschen Handwerkern und Baumeistern verbunden. Aber es gebe nicht nur die guten Seiten der Geschichte. „Flossenbürg erzählt eine andere Geschichte“, sagte sie. Ein Drittel der knapp 100.000 KZ-Insassen seien Polen gewesen. Sie berühre es immer, wenn heute 15-jährige Schüler mit über 80-jährigen KZ-Überlebenden über deren schrecklichen Erlebnisse sprächen, als sie selbst als 15-jährige Kinder im KZ eingesperrt und gequält wurden. „Unsere Verantwortung ist es, diese Geschichte nicht zu verleugnen, sondern der Wahrheit zu dienen und Zeugnis abzulegen. Dazu gehörten auch die Überwindung von Vorurteilen und die Heilung durch Erinnern. „Dass wir jetzt in Frieden leben, ist ein Geschenk der Geschichte. Wir müssen das als eine gemeinsame Aufgabe sehen.“ Dafür müssten wir besonders auf die Kinder schauen.

In der anschließenden Debatte kündigte Bürgermeister Xaver Eggl an, dass im nächsten Jahr die Gemeinde und die Pfarrgemeinde ein Mahnmal mit den Namen der „toten Kinder“ errichten würden, was allgemein und vor allem von der polnischen Generalkonsulin mit Applaus begrüßt wurde. Mit dem Versuch, die Verstrickung seiner Gemeinde in dieses Nazi-Verbrechen zu relativieren, lag er aber daneben. Denn es wurde in den Vorträgen deutlich gemacht, dass Laberweinting nur zufällig als Standort des Entbindungs- und Kinderheimes ausgewählt wurde und die Verbrechen an den Kindern sich in ganz Deutschland glichen. Oberstudienrat i.R. Franz Graf verwies auf die engen Kontakte des Gymnasiums in Mallersdorf-Pfaffenberg nach Polen und die inzwischen 10jährige deutsch-polnische Partnerschaft, die erst vor kurzem in Anwesenheit der Generalkonsulin gefeiert wurde. Abschließend nahmen die Besucher und Besucherinnen die Lichter mit den Namen und Daten der “toten Engel“ und stellten sie zur internationalen Lichterkette anlässlich des Tages der toten Kinder ins Fenster des Saales, der vor 67 Jahren ihre Sterbestätte war.

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.