Bonhoeffer-Wochen in Mallersdorf-Pfaffenberg

Veröffentlicht am 01.08.2010 in Veranstaltungen

Gesprächsrunde zur Zivilcourage: v.r. Heinrich Kaiser, Franz Windirsch, Martin Kreutz interessierte Bürgerinnen und Pfarrerin Knoch

Gesprächsabend „Zivilcourage im alltäglichen Leben“
„Wir müssen täglich entscheiden...“

Am vergangenen Mittwoch veranstalteten die evangelische Kirchengemeinde Neufahrn und die SPD Mallersdorf-Pfaffenberg im Foyer der Klinik Mallersdorf einen Gesprächsabend zum Thema „Zivilcourage im alltäglichen Leben“. Damit endete die Ausstellung zu Dietrich Bonhoeffer in Mallersdorf, es war auch die letzte Station im Labertal, bevor die Ausstellung wieder nach Hamburg an ihren Ausgangspunkt zurück kehrt.

SPD Ortsvorsitzender Martin Kreutz eröffnete die Diskussion mit den Worten Dietrich Bonhoeffers aus dem Jahre 1943, „...was steckt eigentlich hinter der Klage über die mangelnde Zivilcourage?“ Eine Frage, die jedem auch aus heutiger Zeit bekannt sei. Mit der SPD und Pfarrerin Knoch diskutierten interessierte Bürger aus Mallersdorf-Pfaffenberg und Umgebung und stellten fest, dass sich die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft zwar verändert hätten, nicht aber das grundsätzliche Problem. Kämpfte Dietrich Bonhoeffer mit seiner Zivilcourage gegen ein totalitäres Regime und für bedrängte Menschen, die in Lebensgefahr schwebten, so sind es heute die kleineren Themen, die jeder einzelne im Alltag findet, aber auch die grundsätzliche Einstellung zu Extremismus und Gewalt.

Natürlich kann es beim Eintreten für Zivilcourage auch zu Gefahren für das eigene Leben kommen, wie in letzter Zeit das Beispiel Dominik Brunner zeigte. Es herrschte von allen Seiten die Meinung vor, dass sein Handeln couragiert war, indem er für die Kinder, die „abgezogen“ werden sollten, eingetreten ist. Und selbst wenn er nicht in allen Optionen richtig gehandelt hat, so gebe es den Leuten nicht das Recht, jetzt schlecht über ihn zu reden oder sein Engagement in Frage zu stellen.

Nach dem aufgezeigt wurde, dass Zivilcourage nicht erst gilt, wenn es um Gewalt geht, sondern schon viel früher anfängt – ja anfangen muss, haben einige Anwesenden ihre eigene Erfahrungen geschildert. Dabei ging es darum, wie man selbst mit rücksichtslosem Verhalten konfrontiert wurde, auf das man reagieren musste. Ob nun in der Schlange an der Supermarktkasse, im Zug oder mit Personen, die ihren Müll einfach irgendwo hinwerfen. Dieter Gipser, Ehrenvorsitzender des SPD-Ortsvereins, schilderte dazu einen Vorfall, den man unter „Saustall in der Anlage“ zusammenfassen konnte. Beim Beispiel eines Jugendlichen, der seine dreckigen Schuhe auf den Sitz im Zugwaggon legt, kam man gleich zu einem weiteren wichtigen Punkt, nämlich der Frage zur Erziehung und der positiven Rollenvorbilder. Denn oft sei es so, dass direkt daneben ein Erwachsener genau das Gleiche mache. Einer Bürgerin aus Mallersdorf wurde entgegenhalten, als sie ihren Mut zusammengenommen hat, „das machen ja alle“. Doch genau das sei der Punkt, an dem jeder einzelne ansetzten könne, „sobald einer dagegen vorgeht, verfängt das Argument nicht mehr und der Kreis ist durchbrochen“, erklärte Martin Kreutz.

Ein entscheidender Punkt, den mehrere Teilnehmer ansprachen, ist die Angst davor, dass man sich durch couragiertes Handeln selbst in Gefahr für Leib und Leben begebe. Auch hier wurde auf das Beispiel Dominik Brunner verwiesen. Dazu zitierte Pfarrerin Knoch Dietrich Bonhoeffer („Einstehen für seine Überzeugung, egal welche Gefahr droht.) und Martin Luther („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“), die beide gezeigt haben, dass man sich davon nicht abhalten lassen dürfe. Um sich selbst möglichst keiner Gefahr auszusetzen wurde eine Liste von Verhaltenstipps in der Gruppe diskutiert, die von „konkret Hilfe suchen“ über einen telefonischen Notruf bis zu „als Zeuge bereitstehen“, sowie tatkräftiges Eingreifen im extremsten Fall ging. Hierzu wurden für die einzelnen Punkte immer Beispiele aus der Bibel gefunden. So etwa bewahrte Jesus Ruhe bei der Steinigung der Ehebrecherin und entschärfte die Situation, als er sagte „wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein“. Ein Punkt, der vielen schwer fiel, und der mit „Kreatives Handeln“ überschrieben war. Hierbei ist gemeint, dass der Angreifer durch eine unerwartete Wendung aus dem Konzept gebracht wird. Möglich ist auch ein Handeln nach dem Jesus-Prinzip, „Keiner rechnet mit der rechten Wange, nachdem er einen auf die linke Wange geschlagen hat“, so Pfarrerin Knoch. Oder alternativ, man lässt den Angreifer bei einer Verbalattacke ins Leere laufen, indem man im überraschend Recht gibt. In mehreren Szenarien mussten sich die Diskussionsteilnehmer erst trainieren, nicht auch im gleichen Ton zu antworten und damit die Situation zu verschärfen.

Zum Abschluss wurde noch über mögliche Rollenvorbilder in der heutigen Zeit für couragiertes Verhalten gesprochen. Dabei haben sich als Möglichkeiten Familie, Schule, Vereine, der Freundeskreis und die Kirche herauskristallisiert, wobei es immer von den Personen abhänge, die “vorne dranstehen“, oder wie es so schön Richtung Kirche formuliert wurde: „Es hängt vom Bodenpersonal“ ab, ob die Kirche einen Platz in der Mitte der Menschen findet.

Pfarrerin Knoch und Marktgemeinderat Kreutz dankten einander für die gute und schöne Zusammenarbeit, die SPD und evangelische Kirche bei den Bonhoeffer-Wochen gezeigt hätten. Der Dank der Organisatoren galt auch Herrn Klaus Achatz, stellvertretend für die Klinik Mallersdorf, denn ohne diese Örtlichkeit wäre die Ausstellung in Mallersdorf-Pfaffenberg schlecht möglich gewesen. Einen Appell richtete Pfarrerin Knoch noch an die Anwesenden: Es gelte die Dominik-Brunner-Stiftung zu unterstützen, denn hier werde für Zivilcourage gekämpft und es sei ein Thema das unsere Region und somit uns selbst betreffe. Für das „Warum zivilcouragierten Handelns“ endete der Abend auch mit einem Zitat Bonhoeffers an seinen Bruder. "Ich glaube zu wissen, dass ich erst innerlich klar und aufrichtig sein würde, wenn ich mit der Bergpredigt wirklich anfinge, ernst zu machen… Es gibt doch nun einmal Dinge, für die es sich lohnt, kompromisslos einzustehen. Und mir scheint, der Friede und die soziale Gerechtigkeit, oder eigentlich Christus sei so etwas."

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.