Bonhoeffer-Wochen im Labertal

Veröffentlicht am 27.06.2010 in Veranstaltungen

1.Reihe von links: Ruth Müller, Josef Weitzer, Armin Buchner, Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller, Dr. Dr.h.c. Albert Schmid, Renate Kuntze; 2. Reihe oben: Rainer Pasta, Pfarrer Josef Helm, Pfarrer Dr. Joseph Vattathara, Martin Auer

Bischof Gerhard L. Müller spricht bei der SPD
„Ein katholischer Bischof in einer evangelischen Kirche und ausgerechnet dazu noch bei der SPD!“ Diese einmalige Konstellation stellte Diözesanbischof Dr. Gerhard Ludwig Müller mit launigen Worten gleich zu Beginn seiner Rede über den evangelischen Theologen, Pfarrer, Widerstandskämpfer und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer fest. Länger als geplant, nämlich fast drei Stunden verbrachte er in der St.-Paulus-Kirche mit seinem Referat, mit der Diskussion, mit der Signierung seines Buches über Dietrich Bonhoeffer und der Eintragung ins Gästebuch der Ausstellung des SPD-Arbeitskreises Labertal. Die Besucher der knapp zu zwei Drittel gefüllten evangelischen Kirche erlebten einen Diözesanbischof, so ganz anders als in den Medien meistens dargestellt, nämlich freundlich und offen, eben „wie ein von Güte überquellender Vater und nicht der oftmals vermittelte strenge Herr mit dem Schwert“, wie der Hausherr, Pfarrer Thomas Klenner, feststellte.

Nach Meinung von Bischof Müller ist Dietrich Bonhoeffer durch seinen Einsatz für Jesus Christus und für seine Mimenschen bis in den Tod ein über alle Konfessionen hinweg anerkannter und verehrter Blutzeuge für Jesus Christus, der aber durch seinen Mut, seine Zivilcourage und sein Verantwortungsbewusstsein für die Menschen und sein Volk „ein Leuchtturm für unsere Demokratie sein kann.“ Diese Tugenden seien heute notweniger denn je. Denn die Gefahr drohe nicht nur durch Machteliten oben, sondern mehr noch durch die Verweigerung von Verantwortungsübernahme für die Gemeinschaft und Gesellschaften durch die Bürger. Bischof Müller: „Bröckelt erst einmal das Fundament, dann besteht die Gefahr, dass irgendwann das gesamte Gebäude vom Einsturz bedroht ist.“ Die Parteien dienten dem Allgemeinwohl und dürften sich nicht, auch bei allen legitimen Unterschieden, als Feinde sehen.

Diözesanbischof Gerhard L. Müller schilderte im ersten Teil seinen teilweise sehr persönlichen Weg zu Dietrich Bonhoeffer. Auf der einen Seite der Sohn eines Opel-Arbeiters mit großer SPD-Nähe mit drei Geschwistern in einfachen Verhältnissen, aufgewachsen in einem Mainzer Vorort, dort Dietrich Bonhoeffer mit sieben Geschwistern in eine preußische großbürgerliche Familie mit den besten Verbindungen in die sogenannten „feinen Kreise“ hineingeboren. Das „Wunderkind“ Bonhoeffer qualifizierte sich bereits mit der Habilitation im Alter von 24 Jahren für die Hochschullehrerkarriere. Dass es für den evangelischen Theologen letztendlich doch anders kam, lag nicht nur an der Machtergreifung Hitlers, sondern auch an den Erfahrungen und Begegnungen mit den Menschen in Amerika, England, Spanien und Italien, aber auch mit den Kindern und Arbeitern in der Kommunistenhochburg im Berliner Stadtteil Wedding oder auch mit der näheren Begegnung mit der Katholischen Kirche in Kloster Ettal. Letztendlich hätten diese Erfahrungen Bonhoeffer davon abgehalten, Kirche, Ritus und Theologie im Elfenbeinturm zu sehen, sondern seine Theologie der Kirche in den berühmten Satz münden zu lassen: „Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Zu diesen „anderen“ zählten auch die jüdischen Mitbürger, deren grausames Schicksal nach der „Reichsprogromnacht“ vom 9. November 1938 ihn seine christlichen Mitbrüder und –schwestern aller Konfessionen auffordern ließ: „Nur wer für die Juden schreit, hat das Recht, gregorianisch zu singen.“

Dem Vortrag von Bischof Dr. Gerhard Müller schloss sich eine längere Diskussion an. Von Pfarrer Klenner zu seiner Haltung zu den „Pius-Brüdern“ und den anstehenden Priesterweihen in Zaitzkofen befragt, sagte der Bischof, dass diese als Menschen und Christen zu achten und zu respektieren seien. Mit ihrer ablehnenden Haltung zum Konzil und ihren bewussten Verstößen gegen das Kirchenrecht hätten sie sich aus der Gemeinschaft der katholischen Kirche selbst hinauskatapultiert. Bei den Priesterweihen in Zaitzkofen handle es sich um eine nach dem kanonischen Recht nicht erlaubte Weihehandlung, weil die Erlaubnis des Ortsbischofs dafür nicht vorliege. Die evangelische Kirchengemeinde dankte Bischof Müller mit einer leckeren Sankt-Paulus-Torte. Die SPD-Kreisvorsitzende von Landshut-Land und Initiatorin der Ausstellung, Ruth Müller, und der SPD-Ortsvorsitzende Armin Buchner sorgten sich mit dem Schierlinger Geschenkkorb um das leibliche Wohl des hohen Gastes und überreichten ihm eine in einer Kollekte gesammelten ansehnliche Spende für seine Straßenkinder-Projekte in Lateinamerika. Mit einem gemeinsamen Vaterunser schloss diese ökumenische Begegnung mit dem katholischen Diözesanbischof. Anschließend signierte er sein Buch, das er in diesem Jahr unter dem Titel „Dietrich Bonhoeffer begegnen“ veröffentlicht hatte. „Mit Dank für die Einladung an SPD und die evangelische Gemeinde und die rege Diskussion“ trug sich Bischof Müller in das Gästebuch der Ausstellung ein, um sich dann noch trotz der fortgeschrittenen Zeit Gesprächen mit Veranstaltungsteilnehmern zu widmen.

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.