Der ROTE HERBST in Geiselhöring

Veröffentlicht am 03.10.2011 in Veranstaltungen

Als kleines Präsent für den Referenten gab´s ein Labertaler Tragerl mit Bierspezialitäten aus der Region. v.l.: Heinz Uekermann, Kreisvorsitzender der SPD Straubing-Bogen, Rainer Pasta, Sprecher des AK Labertal, Referent Christian Nürnberger, Ortsvorsitzender Johannes Faden, 3. Bürgermeister Harry Büttner und Ruth Müller, Kreisvorsitzende der Landshuter SPD

„Sorry, Ihr werdet es wahrscheinlich einmal schlechter haben als wir!“
Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat - Mut ist die Ausnahme und Feigheit die Regel

„Auch wenn der Gegner kein erkennbares Gesicht mehr hat, Zivilcourage braucht es auch heute, wollen wir unsere Demokratie und ein Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand erhalten“, so die Kernaussage der Ausführungen des bekannten Autors Christian Nürnberger anlässlich des ‚Roten Herbstes’ der Geiselhöringer SPD am vergangenen Sonntag im Gasthaus Wild. Sind es in Nordafrika und Arabien Despoten, gegen die es zu kämpfen gilt, so ist es die despotischen Interessensverkettungen der Wirtschaft, die die Demokratie in Europa - und damit auch in Deutschland - bedroht. Mut oder Feigheit – die Zukunft liegt in unseren Händen.

Der ‚Rote Herbst’ der Geiselhöringer SPD entwickelt sich zu dem, was Ortsvorsitzender Johannes Faden sich bei der Auftaktveranstaltung 2010 mit dem stellvertretenden Bayerischen VdK-Vorsitzenden Achim Werner, MdL, gewünscht hatte: „Eine Traditionsveranstaltung soll der ‚Rote Herbst’ werden, bei der über Partei- und Glaubensgrenzen hinweg gesellschaftspolitische Themen angesprochen und gemeinsam diskutiert werden.“ So lud die Geiselhöringer SPD heuer den bekannten Autor Christian Nürnberger ein, über das zentrale Thema der SPD im Labertal, ‚Zivilcourage – heute’, zu referieren. Nürnberger ist ein Experte auf diesem Gebiet, nicht weil er besonders mutig sei, wie er selber sagt, sondern weil er sich in zwei seiner Bücher mit mutigen Menschen beschäftigt habe. Den Einsatz für die Demokratie, sieht der Autor als die Aufgabe der Gegenwart.

Vor 41 Jahren war der gebürtige Mittelfranke, der heute in Mainz lebt, schon einmal im Labertal. Als junger Soldat, der seine Grundausbildung in der Pionierkaserne in Bogen absolvierte, kam er nach Dienstschluss auch nach Geiselhöring. Deshalb, so Nürnberger, folgte er dem Ruf der Geiselhöringer Genossen gerne, obwohl seine Frau, die bekannte Fernsehjournalistin Petra Gerster lieber mit ihm zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises gegangen wäre – „aber da muss man einfach Prioritäten setzen“, so Nürnberger. Und man merkte es seinem engagierten Vortrag an, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, seine Mitmenschen daran zu erinnern, dass „unsere Lebensweise, die gekennzeichnet ist durch Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, soziale Sicherheit und Bildung für alle in Wirklichkeit nicht normal, sondern ein absoluter einmaliger Ausnahmezustand ist. Nach sechs Jahrzehnten erscheint uns dieses Leben als so selbstverständlich, dass wir vergessen haben, wie wenig selbstverständlich das ist.“ Nürnberger erinnerte an den „seit Urzeiten herrschenden Normalzustand, dessen Konstanten Armut, Ausbeutung, Krieg, Not und das Recht des Stärkeren sind. Diesen Zustand hätten unsere Eltern- und Großelterngenerationen noch selber miterlebt, diesen Zustand finde man in fast allen Teilen der Welt bis heute vor.

„Dreiviertel der heutigen Weltbevölkerung würden sich glücklich preisen, wenn sie in den Genuss jener Existenzbedingungen kämen, die heute bei uns als Armut definiert werden“, so Nürnberger. Eigentlich sei es eine Laune des Schicksals, so der Autor weiter, in welcher Zeit und in welchem Land man geboren werde. Ein paar Kilometer östlich und man hätte die andere Seite des Eisernern Vorhangs erlebt, ein paar Jahre früher und man wäre im Nazi-Deutschland geboren worden. Wer könne heute sagen, wie und ob er sich gegen die „Hitlerei“ oder die Stasi-Anwerbeversuche gestellt hätte. „Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat“, so Nürnberger, „das einzige, was uns hier abverlangt wird, ist ein bisschen Zivilcourage. Und : ein bisschen Engagement für unsere Demokratie.“ – und am Ende seiner Einleitung: „Wir sind die Glückskinder der Weltgeschichte“.

Doch seit der Geburt seiner Kinder vor 21 und 18 Jahren, treibt den gelernten Journalisten (60) eine Frage um: „Was werden meine zwei Kinder und die ganze Generation meiner Kinder einmal sagen können, wenn sie 60 Jahre alt sind und auf ihr Leben zurückblicken? Werden sie dann auch sagen können, nie etwas anderes kennen gelernt zu haben als Frieden und Freiheit und Wohlstand?“ Seine Antwort fällt zwiespältig aus. Hatte er von 20 Jahren (Deutsche Einheit) noch die optimistische Hoffnung das es zu schaffen sei, so überwiegen heute die Zweifel: “Wenn sich in den nächsten 20 Jahren nicht ein paar Dinge grundlegend ändern, dann schaffen wir es nicht mehr!“ Wie schwer es sei, dem „barbarischen Normalzustand der Welt“ ein bisschen Humanität abzutrotzen, ein bisschen Gerechtigkeit, ein bisschen Soziales und ein bisschen Demokratie, das würden gerade die Aufständischen in den arabischen Ländern erleben. „Wir sollten deshalb genau hinsehen, was dort derzeit geschieht. An der Mühsal derer, die dort versuchen, aus dem Trümmerfeld gestürzter Diktaturen Demokratie zu errichten, lässt sich ablesen, wie kostbar das ist, was wir hier haben.“ Der Autor sprach in seiner bildhaften Sprache von der Demokratie als dem „Garten des Menschlichen“, der sich nicht selbst erhält, sondern der dauernden Pflege bedarf. Und er zitierte Willy Brandt: „Nichts kommt von selbst, alles muss erkämpft werden. und was erkämpft worden ist, kann auch schnell wieder verloren gehen, wenn niemand da ist, der sich um den Erhalt des Erkämpften kümmert. Demokratie braucht Demokraten, die sich aktiv für die Demokratie einsetzen.“

„Sorry, Ihr werdet es wahrscheinlich einmal schlechter haben als wir!“
Christian Nürnberger befürchtet, dass wir, denen unsere Eltern eine bessere Welt hinterlassen wollten, unseren Kindern sagen müssen „Sorry, Ihr werdet es wahrscheinlich einmal schlechter haben als wir!“. Er spricht dabei von einem geplünderten Planeten, von Schuldenbergen, von unbeherrschbarem Atommüll, von länger arbeiten und weniger verdienen, von weniger sozialer Sicherheit und einer unbezahlbaren Rente. „Ihr werdet mit dem Klimawandel fertig werden müssen“, so Nürnberger weiter. Dieser Klimawandel werde nicht nur eine Häufung schwerer Naturkatastrophen verursachen, sondern auch Kriege ums knapper werdende Wasser auslösen und beides, die Katastrophen und die Kriege, würden große Ströme von Elendsflüchtlingen produzieren, die an unsere Tür klopfen werden. „Der umgekehrte Weg – vom Wohlstand zurück in die Armut – wird viel schwieriger. Die Verteilungskämpfe werden mit aggressiver Härte geführt werden. Ihr werdet mehr Gewalt erleben als wir, mehr Unruhen, Bürgerkriege und Kriege“ – mit dem Scheitern des Europas, dass um eine Bank und um das Geld herum gebaut worden sei, sieht der Referent den Anfang vom Ende.

Mut ist die Ausnahme und Feigheit die Regel
Nürnberger stellte einige mutige Menschen aus seinen Büchern vor, um herauszuarbeiten, wie auch wir – und unsere Kinder – den Mut finden können, dieser Katastrophe entgegen zu treten. „Es ist die Erkenntnis ‚bis hier her und nicht weiter’ und das Erlernen und Erfahren politischer Bildung, das aus Feiglingen, die wir alle von Geburt an sind, mutige Menschen macht. Nürnberger: „Immer dort wo ein Samenkorn Mut in den Boden fällt und ausnahmsweise mal aufgeht, verändert sich die Welt.“ Am Anfang stehe meist ein Einzelner oder eine kleine Gruppe, um eine Veränderung anzustoßen. Dann folge Schritt auf Schritt und wenn die Zeit reif dafür sei, würden aus den Wenigen Viele. Dann könne es einen Wandel geben. Diese Entwicklung erläuterte Nürnberger am Beispiel Willy Brandts, der als chancenloses Kind, geboren in der Kaiserzeit, erzogen vom Großvater, geprägt von der sozialdemokratischen Gemeinde, unterstützt von einem internationalen Netzwerk den Widerstand gegen Hitler aufnahm. Nürnberger machte aber auch keinen Hehl daraus, dass die Verfolgung Brandts nicht mit dem Krieg zu Ende ging. Zu sehr musste dieser auch in den ersten Jahrzehnten der jungen BRD unter seiner Herkunft leiden, als er gegen die „alten Kader“ als Bundeskanzlerkandidat angetreten war. Erst als die Kinder ihre Eltern fragten „was habt ihr getan?“, sei Bewegung in die damalige BRD geraten, die 68er hätten den Umschwung gebracht und erst als das„chancenlose Kind“ Kanzler wurde, sei West-Deutschland in der Zukunft angekommen. Nach der sanften Revolution in der ehemaligen DDR wiederholte sich die Geschichte. „Die Bürgerrechtler wurden nicht gefeiert, sondern denunziert und beschimpft“, wohl weil sie den lebenden Beweis für das eigene Versagen darstellten“. Christian Nürnberger lobte anschließend die Zuhörer, die „heute hier sitzen und sich über Zivilcourage und Demokratie Gedanken machen, statt daheim auf dem Sofa zu sitzen“. Aber, so Nürnberger weiter, sie seien eine Minderheit und er forderte: „Aus dieser Minderheit muss wieder eine Mehrheit werden.“

Wir müssen Europa um eine Idee herum bauen, nicht um Geld
Aus der Geschichte Willy Brandts und unter Berücksichtigung aller anderen „Mutigen Menschen“ zog Christian Nürnberger den Schluss, dass es zwei Lehren zu ziehen gelte: „Verzettelt euch nicht in Schaukämpfe sondern konzentriert euch auf das Wesentliche“ und „Interessiert euch für die Anderen“. Beides, die Zwistigkeiten der antifaschistischen Parteien der Weimarer Republik und das Ausblenden der anderen, christlichen und liberalen, Milieus, hätte es den Sozialdemokraten und den anderen Widerstandsgruppen unmöglich gemacht, eine breite Front gegen Hitler zu organisieren und gemeinsam zu bestehen. Und beides forderte Nürnberger für heute, damit die Schreckensszenarien für die Zukunft unserer Kinder nicht Wirklichkeit würden: „Vernetzt euch und verständigt euch auf das wesentliche. Die wichtigste Aufgabe besteht in der Befreiung von den despotischen Interessensverkettungen der Wirtschaft. Es geht um die Rückeroberung der Demokratie“.

Wenn die Menschen morgen anfingen, die Welt nicht nach Marktgesetzen, sondern nach den Prinzipien der Gerechtigkeit, der Wahrheit, der Schönheit, der Barmherzigkeit und des Guten zu gestalten, so Nürnbergers Hoffnung, dann bliebe „kein Stein mehr auf dem anderen!“ Dann flögen Dieter Bohlen und Heidi Klum aus dem Fernsehen und die BILD-Zeitung ginge Pleite, zeigte sich der Referent überzeugt. „Dann gäbe es keine Spekulanten mehr, dann wäre es verboten die Börse als Casino zu missbrauchen. Statt eines globalisierten Turbokapitalismus bekämen wir regionalisierte, öko-soziale, genossenschaftlich orientierte Marktwirtschaften, die allen Menschen dienen und nicht mehr den sinnlosen Zweck, auf jede angehäufte Million die nächste draufzusetzen.“ Die Gemeinde, in der alle Menschen miteinander vernetzt sind, einander helfen und sich aufeinander abstimmen, würden wieder zu Biotopen, in denen Kinder gedeihen und sich beheimaten könnten. „Diese Gemeinden würden zu Oasen des Menschlichen.“

In der abschließenden Diskussion forderte Christian Nürnberger die Zuhörer auf, eine Themenliste zu gestalten, bei der es um 10-12 Ziele und Aufgaben gehe, die alle demokratischen Kräfte gemeinsam vertreten und umsetzen könnten. Quer durch alle Schichten und ungeachtet der politischen Anschauung machten sich die Teilnehmer gleich ans Werk und die Geiselhöringer SPD wird diesen Dialog aufnehmen und fortführen – vielleicht als gemeinsame Keimzelle für eine bessere Zukunft.

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.