Auch heute Diskussion über „unwertes Leben“ genau beachten

Veröffentlicht am 23.02.2012 in Veranstaltungen

„GELINZT ... die Euthanasie-Opfer aus dem Labertal“
Als Anderssein den Tod bedeutete - Dr. Norbert Aas schildert die Gräuel der Euthanasie in der Nazizeit - Auch aus dem Labertal wurden behinderte Menschen in die Gaskammern von Hartheim/Linz deportiert

Mit dem Vortrag von Dr. Norbert Aas am Sonntag, dem 4. März 2012 um 17 Uhr in Geiselhöring, Gasthaus Wild (am Bahnhof), greift der AK Labertal ein weiteres
Kapitel der jüngeren Heimatgeschichte der Region Labertal auf: das Thema Euthanasie.

Nach den „Todesmärschen durch das Labertal“ und dem „Polenkinderlager in Laberweinting“ macht auch der Vortrag „GELINZT ... die Euthanasie-Opfer aus dem Labertal“ deutlich, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht irgendwo, sondern überall - auch in unserer Region – verübt wurden. Gerade die aktuell zunehmenden Aktivitäten der Neonazis in Niederbayern werfen ein ganz besonderes Licht auf diese Taten, denn an der menschenverachtenden und mörderischen Gesinnung der Nazis hat sich bis heute nichts geändert. In einer Zeit des demographischen Wandels, der zunehmenden Überalterung und ansteigenden Demenzerkrankungen, müssen die bösartigen Folgen einer Diskussion über „unwertes Leben“ genau beachtet werden.

Dr. Norbert Aas aus Bayreuth will mit seinem Vortrag zum Historischen Themennachmittag „GELINZT ... die Euthanasie-Opfer aus dem Labertal“ des SPD-Arbeitskreises Labertal in Geiselhöring verhindern, dass weiterhin der Mantel des Vergessens über das schreckliche Leiden vieler Behinderter und kranker Menschen aus der Region Labertal gebreitet wird. Viele Bespiele belegen, dass beim Thema Euthanasie die Verbrechen der Nazis bis in die Familien vor Ort hinein gewirkt haben. Aus Geiselhöring(4), Neufahrn (2),Ergoldsbach(1), Pfeffenhausen(1), Rottenburg(4), Sünching(1), Aufhausen(1), Pinkofen(1), Schierling(1), Straubing(18) und Strasskirchen(2) kann Norbert Aas Fälle belegen.

Euthanasie bedeutete in der Nazizeit Mord, verdeutlicht Dr. Norbert Aas. Ausgehend von der Annahme, dass die Menschen mit ihren sozialen Netzen gegenüber Behinderten und psychisch Kranken der Natur ins Handwerk pfuschen, ja dass sie sogar die Verbreitung solcher Eigenschaften fördere und so eine „Gegenauslese” begünstige, wurde bereits im Jahre 1933 ein Gesetz erlassen, das es möglich machte, alle Menschen mit „angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, erblicher Fallsucht (Epilepsie), Veitstanz, erblicher Blindheit, erblicher Taubheit, körperlicher Missbildung und auch Menschen mit schwerem Alkoholismus” sterilisieren zu lassen. Doch damit nicht genug. Adolf Hitler verfasste im Herbst 1939 ein Schreiben, in dem er Ärzte ermächtigte, „nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes den Gnadentod” zu gewähren. Ein Jahr später erlangte der Reichs-Justizminister Kenntnis von diesem Wunsch Adolf Hitlers. Und damit begann das Leid und das Sterben unzähliger behinderter und psychisch kranker Menschen - auch bei uns in der Region.

Zunächst wurden die Behinderten und Kranken aus den staatlichen Krankenhäusern und Heimen in die Tötungsanstalt nach Hartheim bei Linz verlegt. Als die staatlichen Einrichtungen Kapazitäten frei hatten, wurden Behinderte und Kranke aus den kirchlichen Einrichtungen „verlegt”. Zunächst in staatliche Anstalten, dann ebenfalls in die Todesanstalten. In dieser zweiten Phase waren auch zahlreiche Menschen aus dem Labertal betroffen, darunter etliche Kinder, schilderte Dr. Norbert Aas.
Die Behinderten, die nach Münchshöfen und Straubing bzw. Mainkofen gebracht wurden, wurden später in kleinen Grüppchen nach Hartheim/Linz gebracht. Aus dem Antoniusheim in Münchshöfen (Lkrs. Straubing-Bogen), einer Einrichtung für behinderte Frauen, holte man 107 Personen ab und deportierte sie ins Schloss Hartheim bei Linz, wo alle 107 von den Nazis ermordet wurden. Aus der Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder in Straubing erlitten etwa 360 Bewohner dieses schreckliche Schicksal. Nach ersten wissenschaftlichen Schätzungen sollen in Hartheim wohl 6.000 Menschen aus Bayern, aus ganz Deutschland wahrscheinlich 70.000 Menschen umgebracht worden sein. „Aber es gibt auch Schätzungen, die von 250.000 Toten ausgehen”, erklärt Norbert Aas. Er selbst erarbeitete eine namentliche Zusammenstellung aller bayerischen NS-Opfer, die in Hartheim sterben mussten.

Später, als die Bevölkerung hellhörig wurde, von Bussen erzählte, die leer wieder weg fuhren, und von seltsamen Sterbefällen, änderte die NS-Regierung ihre Masche. Behinderte und psychisch Kranke wurden mit Medikamenten vergiftet oder man ließ sie langsam verhungern. Der Nachweis dieser Opfer ist schwer: Doch die Sterberaten in den Krankenhäusern schnellten in die Höhe...

Ab August 1941 ist dann die „dezentrale Euthanasie" besonders durch Vernachlässigung praktiziert worden, gesteigert durch den „Hungerkost-Erlass". Bis Kriegsende wurde die Kinder-„Euthanasie“, bei der körperlich oder geistig behinderte Kinder bis zum Alter von drei Jahren getötet wurden, durchgeführt. Im weiteren Kriegsverlauf fielen diesem Programm in speziell hierfür eingerichteten „Kinderfachabteilungen“ auch ältere Kinder und Jugendliche zum Opfer.

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.