Historischer Themennachmittag in Schierling

Veröffentlicht am 04.11.2012 in Veranstaltungen

Beim Historischen Themennachmittag in Schierling: BR-Journalist Thomas Muggenthaler ((2.v.l.), AK-Labertal-Sprecher Rainer Pasta (re) sowie Ortsvorsitzende Madlen Melzer (2.v.re) und Marktrat Armin Buchner (li)

„Verbrechen Liebe“ – BR-Journalist Thomas Muggenthaler liest in Schierling
Mit seiner Buchlesung setze Thomas Muggenthaler, Journalist beim Bayerischen Rundfunk, am 3. November im Gasthaus Aumeier in Schierling die zeithistorischen Veranstaltungen zur NS- Terrorherrschaft in der Region Labertal fort. Eingeladen hatte der SPD-AK Labertal und der Ortsverein Schierling.

„Verbrechen Liebe. Von polnischen Männern und deutschen Frauen: Hinrichtungen und Verfolgung in Niederbayern und der Oberpfalz während der NS- Zeit“ heißt der Titel von Muggenthaler‘s viel beachtetem Buch. Das Vorwort dazu hatte der Leiter der KZ- Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, geschrieben. Es dokumentiert die Liebesgeschichten und ihr tragisches Ende von 28 polnischen Männern und einheimischen Mädchen während der Kriegsjahre 1941 bis 1944. 22 von ihnen wurden an ihren Arbeitsorten erhängt, vier weitere im KZ Flossenbürg; nur zwei der geschilderten polnisch- ostbayerischen „Lovestories“ endeten ohne Hinrichtung der polnischen Väter. Die Mädchen konnten von Glück reden, wenn sie nur eine Gefängnisstrafe erhielten; viele von ihnen wurden zum Beispiel ins Frauen- KZ Ravensbrück verschleppt.

5 Fotos eines unbekannte Fotograf mit einem schrecklichen Inhalt präsentierte Thomas Muggenthaler den interessierten Zuhörern als einstieg in seine Lesung. Nach über 70 Jahren hat er mit Hilfe dieser Fotos einen Mord aufgeklärt, einen staatlichen Mord –die Hinrichtung des jungen Polen Julian Majka in Michelsneukirchen, damals Kreis Roding, heute Landkreis Cham. Zwischen den Bäumen war am 18. April 1941 eine Holzstange als „Querbalken“ befestigt, an dem hat eine Rotte von Staatsbediensteten den jungen Mann aufgehängt. Sein Verbrechen: Liebe. Er hatte ein Verhältnis mit einem Mädchen, sie wurde schwanger, das Paar verraten! Seit 2007 sind die Bilder auch in der neugestalteten Dauerausstellung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen. Charlie Hollenbeck, GI der 90. US-Infanteriedivision, hatte sie bei der Befreiung des KZ Flossenbürg am 23. April 1945 in der SS-Kommandantur erbeutet und mitgenommen hat. Jahrzehnte später fanden die Fotos den Weg zurück nach Flossenbürg.

Zwei Monate, bevor Julian Majka hingerichtet wurde, brachte seine Geliebte einen Sohn zur Welt. Bis Mai 1942 saß sie im Gefängnis. Der Sohn dieser von Staats wegen verbotenen Liebe verließ später die Oberpfalz. Genaueres über seinen ermordeten Vater erfuhr er zum ersten Mal 2003 im Autoradio: in der Sendung „Verbrechen Liebe“ von ThomasMuggenthaler. Ein Beispiel für viele. Selbst die Kinder, die aus diesen kriminalisierten Verbindungen hervorgingen, wussten oft wenig oder nichts über das Verbrechen an ihren Eltern. 70-Jährige erfuhren erst von dem Reporter, wer ihr Vater war, und dass er ermordet wurde. Andere fanden plötzlich Halbgeschwister in Deutschland oder Polen und so manche Frau trauert ihrer ersten großen Liebe noch heute nach. Eindrucksvolle Tondokumente aus den Interviews mit Zeitzeugen, betroffenen Frauen und Nachkommen ergänzten die interessante Lesung.

Der aus Schierling gebürtige Journalist und Schriftsteller Florian Sendtner schrieb zu diesem Buch und zur Hörfunksendung im Juli 2012 in einer beachtenswerten Rezensionen: Thomas Muggenthaler hat die Akten der geschilderten staatlichen Mordtaten bei Recherchen im Staatsarchiv Amberg entdeckt. Wie sehr dieses Thema noch über 70 Jahre später tabuisiert ist, erlebte er bei seinen Nachforschungen, obwohl es der berühmte Schriftsteller Rolf Hochhuth in seinem Buch und nachfolgendem Film „Eine Liebe in Deutschland bereits vor mehr als 30 Jahren thematisiert hatte. Selbst als Hanna Schygulla eine solche deutsche Frau spielte, deren polnischer Liebhaber aufgehängt wird, interessierte das die Nation aber wenig. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, schrieb der rumänisch- deutsche Lyriker Paul Celan in einem berühmten Gesicht. Wie „meisterhaft“ die Nazi- Schergen solche Liebesgeschichten zwischen polnischen Zwangsarbeitern und einheimischen Mädchen bis zum Tod am Galgen verfolgten, davon gibt dieses Buch Zeugnis. Denn eigentlich sollte, wenn es um die Liebe geht, der Himmel voller Geigen hängen, im Nazi- Reich waren es dagegen die Galgen.

Die Gestapo bediente sich meist KZ-Gefangener aus Flossenbrüg oder Dachau – je nach dem welcher Standort der Hinrichtung am nächsten lag, als Henker- dafür gab es drei Zigaretten als Extraration. Mit dabei SS und Gestapo, der Lagerarzt sowie die örtliche Polizei und geladene Honoratioren – und die polnischen Zwangsarbeiter aus der jeweiligen Region, oft bis zu Hundert, die dann am Galgen vorbei marschieren mussten. Eine grausige Inszenierung zur Abschreckung, zur Einschüchterung.

Die Polen, teils Kriegsgefangene, teils von der Straße weg verschleppt, gehörten zu dem Riesenheer von Zwangsarbeitern, mit denen Hitlerdeutschland die im Krieg befindlichen deutschen Männer ersetzen wollte, vor allem in der Landwirtschaft. Es stellte sich aber schnell heraus, dass der staatlich verordnete Rassenwahn auf so manchem Bauernhof niemanden interessierte. Gegen jede Vorschrift saß der Pole mit am Tisch, und manchmal kam man sich auch näher.

War das tatsächliche oder vermeintliche Liebespaar einmal denunziert, ließ sich die Mordmaschinerie, an der Polizei, Bürgermeister, Landratsamt, Gestapo und Reichssicherheitshauptamt in Berlin beteiligt waren, nicht mehr aufhalten: Die beiden wurden verhaftet, die Frau wurde zumeist ins KZ Ravensbrück verschleppt, der Mann nach einigen Monaten an seinen „Einsatzort“ zurückgebracht und dort am Waldrand aufgehängt.

Seit rund 30 Jahren erforscht der Regensburger Reporter, der in Cham aufgewachsen ist, das, was ganze Dörfer seit Generationen wissen und gleichzeitig unter den Teppich kehren: dass allein zwischen 1941 und 1943, nur in Niederbayern und der Oberpfalz, 22 polnische Zwangsarbeiter wegen verbotener Beziehungen zu deutschen Frauen hingerichtet wurden. Der Rassenwahn der Nazis in Reinkultur: „Fremdrassige“ Männer, die „arische“ Frauen „geschändet“ hatten, waren des Todes.

Polnische Zwangsarbeiterinnen, die von deutschen Männern schwanger waren, kamen mit dem Leben davon, die deutschen Männer sowieso – nur die Kinder landeten nach dem 1. August 1944 in den Entbindungs- und Kinderheimen, wie etwa in Laberweinting.

Spur von Amberg nach Regensburg
Entscheidend bei Muggenthalers Recherchen war ein Aktenfund im Staatsarchiv Amberg: Zu Beginn der 50er Jahre ermittelte die Regensburger Staatsanwaltschaft gegen drei Herren von der Gestapo wegen Beihilfe zum Mord. Fritz Popp, Sebastian Ranner und Luitpold Kuhn. Zeugen wurden vernommen, Akten akquiriert. 2500 Seiten hatten die Ermittlungsakten am Ende. Die Nachkriegsjustiz brachte nicht einmal eine Anklage zustande, geschweige denn eine Verurteilung - die Verfahren wurden eingestellt. Der Bundesgerichtshof hatte schon 1952 geurteilt, für derlei staatliche Morde sei allein das Reichssicherheitshauptamt in Berlin verantwortlich.

70 Jahre lang wurde über diese Morde geschwiegen. Dass sie jetzt doch noch ans Tageslicht kommen, ist Thomas Muggenthaler zu verdanken. Seit einem Vierteljahrhundert ist der Reporter des Bayerischen Rundfunks an dem Thema dran, in mehreren Radiosendungen hat er darüber berichtet und überlebende Zeitzeugen zu Wort kommen lassen (in einer BR-Radioediton auch als CDs erhältlich: „dem vergessen entrissen“, 5 CDs, 268 Minuten, 29,95 Euro). Nun ist im lichtung Verlag das Ergebnis seiner langjährigen Recherchen als Buch erschienen: „Verbrechen Liebe. Von polnischen Männern und deutschen Frauen: Hinrichtungen und Verfolgung in Niederbayern und der Oberpfalz während der NS-Zeit“, 175 Seiten, 14,80 Euro.

 

  

Projekt 2016 - Schuld & Sühne?

„Historischen Themennachmittage" im Labertal

Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist wichtig um die Gegenwart zu verstehen und der Zukunft zu vertrauen. Der AK Labertal will fundierte Geschichtsbewältigung unter sozialdemokratischen Gesichtspunkten anbieten Es gibt nichts zu glorifizieren, nichts zu beschönigen und schon gar nichts zu rechtfertigen. Wir wollen aber auch nicht anklagen und verurteilen - keiner von uns kann heute sagen, wie er sich selbst verhalten hätte, in einer anderen Zeit.

- Rückblick -
Der SPD-Arbeitskreis Labertal hat mit dem „Historischen Themennachmittag“ zur Schierlinger Muna am 24. Januar 2010 begonnen, sich mit den Ereignissen vor 65 Jahren genauer zu beschäftigen. Neben dem „Wunder von Schierling“ sollt der Blick auch auf die Todesmärsche durch das Labertal gelenkt werden.

Die Brüder Gandorfer beschäftigten den AK am historischen Datum 7. November 2010 in Pfaffenberg.

Im Spätherbst 2011 wurde mit "Die Engel von Laberweinting" erneut an das Thema "65 Jahre Kriegsende" angeknüpft. 62 tote Kinder in nur wenigen Monaten, so die Bilanz des Entbindungs- und Kinderheims für Fremdländische.

Der letzte „Historische Themennachmittag“„GELINZT - Euthanasie- Opfer aus dem Labertal“ fand am 4. März in Geiselhöring statt. Das Thema wurde mit einer Informationsfahrt am 14. April an den Gedenkort Hartheim bei Linz abgerundet.

Die Dokumentationen zu den Themennachmittagen (oder den Bonhoeffer-Wochen) sind unter www.agentur-labertal.de zu bestellen!

Projekt 2015 - Flucht, Vertreibung und Asyl

Flucht, Vertreibung und Asyl 1945 / 2015

Sonstiges

 

120 Jahre BayernSPD - Im Dienst von Freiheit und Demokratie Frauen sind in der rechtsextremen Szene keine Seltenheit mehr – sie sind die „nette“ Nachbarin oder betreiben Biolandbau und verkaufen „Deutschen Honig“ und unterwandern so die Gesellschaft mit neonazistischem Gedankengut. Die Ausstellung „Braune Schwestern“ aus Österreich war 2012 erstmals in Niederbayern zu sehen und beschäftigt sich mit der Symbolik, den Liedern und dem Gedankengut der rechtsextremen Frauenszene.